Azrou und der Zedernwald: Marokkos stille Bergluft

Neunzig Minuten von Fès entfernt liegt ein Berber-Marktstädtchen unter Marokkos ältesten Zedern – mit wilden Makaken und einer Sommerluft, die angenehm kühl bleibt.

Die meisten Marokko-Reisenden fahren von Fès schnurstracks in die Wüste – und die Straße führt sie dabei an einem der sanftesten Vergnügen des Landes vorbei, ohne dass sie je anhalten. Schade eigentlich, denn anderthalb Stunden südlich von Fès falten sich die Ebenen zum Mittleren Atlas auf, die Luft wird dünn und klar, und der Horizont füllt sich mit Zedern von der Größe ganzer Kathedralen.

Azrou ist die Stadt im Herzen dieser Landschaft. Ihr Name bedeutet auf Amazigh „Fels“ – nach dem dunklen vulkanischen Felsblock, der noch heute mitten zwischen den Straßen steht. Azrou ist ein lebendiges Bergstädtchen mit rund 58.000 Einwohnern auf etwa 1.250 Metern Höhe: mit einem Markt am Dienstag, roten Ziegeldächern, Zedernholz-Werkstätten und fast nichts von jenem Druck, der viele in den großen Königsstädten so ermüdet.

Für Reisende über 60 liegt der Reiz ganz im Praktischen. Dies ist im Sommer der kühlste Winkel Zentralmarokkos, das Gelände ist flach oder nur leicht ansteigend, wenn Sie Ihren Platz mit Bedacht wählen – und das Allerschönste hier, nämlich still zwischen 400 Jahre alten Zedern zu sitzen und wilden Affen zuzusehen, verlangt weder Treppen noch Kletterei noch irgendeine Kondition.

Ein wenig Geschichte

Azrou ist seit Jahrhunderten eine Amazigh- (Berber-)Siedlung, ein Treffpunkt, an dem die Hirtenstämme des Mittleren Atlas herunterkamen, um mit den arabischsprachigen Ebenen um Meknès und Fès Handel zu treiben. Viehzucht und Weberei prägten den Ort lange vor dem Tourismus – und beides ist bis heute sichtbar.

Ihre heutige Gestalt erhielt die Stadt während des französischen Protektorats, als sie als Verwaltungs- und Militärzentrum diente und weit über ihre Größe hinaus bekannt wurde. In Azrou befand sich das Collège Berbère, die erste weiterführende Schule in einer berbersprachigen Region Marokkos, gegründet zur Ausbildung marokkanischer Verwaltungsbeamter; sie besteht heute unter anderem Namen als Lycée fort. Ein Stück außerhalb der Stadt gründeten Benediktinermönche 1952 das Kloster Toumliline, das über ein Jahrzehnt lang ungewöhnliche Begegnungen zwischen Christen, Juden und Muslimen beherbergte, bevor es Ende der 1960er-Jahre geschlossen wurde. Seine Ruinen liegen noch immer über dem Tal.

Auch der Wald selbst trägt eine koloniale Spur im Namen: Der Cèdre-Gouraud-Wald an der Straße zwischen Azrou und Ifrane ist nach einem französischen General benannt. Heute gehört die ganze Gegend zum Nationalpark Ifrane, rund 125.000 Hektar Zedern und Steineichen, die einen sehr großen Teil der weltweit verbliebenen Atlas-Zedern und Berberaffen schützen.

Ein Ziegenhirte und Berberaffen im Zedernwald bei Azrou – der Wald ist nach wie vor Weideland.

Ein Ziegenhirte und Berberaffen im Zedernwald bei Azrou – der Wald ist nach wie vor Weideland.

Was Sie sehen sollten

Der Cèdre-Gouraud-Wald

Seinetwegen kommt man her. Eine kurze Fahrt nordöstlich von Azrou, auf der Straße Richtung Ifrane, rücken die Atlas-Zedern von beiden Seiten heran – riesig, mit grauer Rinde, manche jahrhundertealt, mit Stämmen, die mehrere Menschen nicht umfassen könnten. Es gibt einen Parkplatz, Picknicktische und ebenen Boden, sodass Sie eine Minute nach dem Aussteigen bereits unter den größten Bäumen stehen. Der meistfotografierte Baum, eine gewaltige Zeder, die Anfang der 2000er-Jahre abgestorben ist, steht noch immer da wie ein Denkmal.

Die Stadt und der Dienstagssouk

Azrous Medina ist klein, niedrig und ohne jede Pose, rund um den Felsen gebaut, der der Stadt ihren Namen gab. Der Wochenmarkt, traditionell am Dienstag, zieht Bauern und Hirten aus den Dörfern des gesamten Mittleren Atlas an: Wolle, Gemüse, Oliven, Vieh, Berghonig. Es ist ein echter Arbeitsmarkt und keine Touristenattraktion – genau das macht seinen Charme aus.

Teppiche und Zedernholz

Azrou ist bekannt für die Weberei des Mittleren Atlas – dicke, warme, geometrisch gemusterte Wollteppiche, gemacht für kalte Bergwinter und nicht für heiße Souks – und für Zedernholzschnitzerei. Im Kunsthandwerkszentrum der Stadt und in verschiedenen Kooperativen sehen Sie beides am einfachsten, und die Preise sind hier in der Regel gelassener als in Fès.

Aussichtspunkte über das Tal

Die Straßen, die aus Azrou hinaufführen, öffnen weite Blicke zurück über die roten Dächer und den dunkelgrünen Wald dahinter. Dafür müssen Sie nicht wandern: Mehrere Haltebuchten auf dem Weg Richtung Ifrane oder Richtung Midelt bieten Ihnen das ganze Panorama vom Auto aus.

Atlas-Zedern Cedrus atlantica im Wald von Azrou, innerhalb des Nationalparks Ifrane.

Atlas-Zedern (Cedrus atlantica) im Wald von Azrou, innerhalb des Nationalparks Ifrane.

Den Berberaffen rücksichtsvoll begegnen

Der Zedernwald um Azrou ist Heimat ganzer Gruppen von Berberaffen – dem einzigen in Nordafrika heimischen Affen und der einzigen Makakenart, die außerhalb Asiens lebt. Sie sind wirklich wild, sie sind an Autos und Menschen gewöhnt, und oft sitzen sie schon auf den Lichtungen am Straßenrand, wenn Sie ankommen.

Sie sind außerdem gefährdet. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen, und das sichtbarste Problem ist die Gewohnheit, sie am Straßenrand für Fotos mit Erdnüssen und Keksen zu füttern. Das schadet ihrer Gesundheit und lockt sie auf den Asphalt, wo sie von Autos angefahren werden.

Der freundliche Umgang mit ihnen ist deshalb ganz einfach:

  • Füttern Sie sie nicht, und lehnen Sie die am Straßenrand angebotenen Nusstüten höflich ab.
  • Halten Sie einige Meter Abstand und versuchen Sie nie, ein Tier zu berühren oder festzuhalten.
  • Lassen Sie Essen, Plastiktüten und glänzende Gegenstände außer Sichtweite im Auto.
  • Setzen Sie sich ruhig hin und warten Sie – innerhalb von zehn Minuten sehen Sie meist viel mehr natürliches Verhalten als jeder, der mit Snacks winkt.

Einer Gruppe zuzusehen, wie sie sich unter einer 30 Meter hohen Zeder gegenseitig das Fell pflegt, ohne etwas tun oder irgendwo sein zu müssen – das ist eine der stillen Sternstunden Marokkos.

Berberaffen im Zedernwald von Azrou.

Berberaffen im Zedernwald von Azrou.

Ein Tagesausflug in die Umgebung

Ifrane

Etwa 15 bis 20 km nordöstlich von Azrou, rund 20 bis 30 Minuten Fahrt, liegt Ifrane – eine der eigenartigsten und zugleich komfortabelsten Städte Marokkos: ein in der Protektoratszeit geplanter Kurort mit steilen Alpendächern, Gauben und gepflegten Gärten, Spitzname „Klein-Schweiz“. Die Stadt ist blitzsauber, flach, bequem zu Fuß zu erkunden und voller Cafés mit Terrassen – ideal für ein entspanntes Mittagessen. Die steinerne Löwenskulptur im Zentrum ist das obligatorische Foto.

Dayet Aoua

Weitere rund 15 km nördlich von Ifrane, auf etwa 1.460 Metern, liegt der See Dayet Aoua in einer flachen, von Wald umrahmten Mulde. Er ist ein Vogelbeobachtungssee, beliebt zum Picknicken, und sein Wasserstand schwankt je nach Jahreszeit erheblich – in trockenen Jahren kann er stark schrumpfen. Betrachten Sie ihn also eher als angenehmen Halt auf einer Rundfahrt denn als Ziel für sich.

Der klassische Ausflug ist eine gemächliche Runde: Azrou, der Zedernwald, Ifrane zum Mittagessen, Dayet Aoua und zurück. Planen Sie dafür in Ruhe einen halben Tag ein – und bedenken Sie, dass die Fahrt selbst, zwischen Kirschgärten, Schafen und Wald, die halbe Freude ausmacht.

Die Straße von Azrou nach Ifrane, mit blühenden Kirschbäumen vor dem Zedernwald.

Die Straße von Azrou nach Ifrane, mit blühenden Kirschbäumen vor dem Zedernwald.

Ehrliche Tipps für bequemes Reisen

  • Höhe und Luft. Auf rund 1.250 m ist Azrou hoch genug, um kühl zu wirken und Ihnen an Steigungen etwas den Atem zu nehmen, aber bei Weitem zu niedrig für Höhenkrankheit. Gehen Sie Anstiege am ersten Tag langsam an.
  • Nicht die Hitze ist hier das Problem, sondern die Kälte. Während Fès und Meknès im Juli und August glühen, bleibt Azrou spürbar kühler, und die Abende können richtig frisch werden. Von November bis März brauchen Sie einen warmen Mantel; im Hochwinter fällt regelmäßig Schnee, der Waldstraßen kurzzeitig sperren kann.
  • Der Wald ist leicht zu haben, wenn Sie ihn lassen. Die wichtigsten Zedernplätze haben Parkplätze, ebene Lichtungen und flache Kieswege. Sie können die großen Bäume und die Makaken fast ohne Gehen erleben. Längere Waldwege gibt es für alle, die sie möchten, mit sanften Steigungen – aber nichts verpflichtet Sie dazu.
  • Der Untergrund. Zedernnadeln, Zapfen und lose Steine machen den Waldboden stellenweise uneben. Schuhe mit gutem Profil sind hier mehr wert als irgendwo sonst in Marokko, und ein Wanderstock hilft.
  • Wo übernachten. Wer in Azrou oder Ifrane schläft, erreicht den Wald in 10 bis 20 Minuten – im weichen Morgenlicht, wenn die Makaken am aktivsten sind. Als Tagesausflug von Fès aus bedeutet es drei Stunden im Auto: an einem Tag in Ordnung, an mehreren hintereinander anstrengend. Ifrane hat die flachsten und ruhigsten Straßen für Abendspaziergänge.
  • Mieten Sie ein Auto mit Fahrer. Es gibt keine bequeme öffentliche Verbindung zum Wald selbst. Ein Wagen mit Fahrer für den Tag ab Fès oder Azrou nimmt Ihnen jede Umständlichkeit ab und lässt Sie überall dort halten, wo die Aussicht schön ist.
  • Infrastruktur. Azrou und Ifrane haben Apotheken, Geldautomaten und Arztpraxen; im Wald selbst gibt es am Hauptplatz Toiletten, sonst aber wenig. Nehmen Sie Wasser und alle Medikamente mit.
  • Sonne und Staub. Die Bergsonne ist in dieser Höhe stärker, als sie sich anfühlt. Hut und Sonnencreme sind auch an einem kühlen Tag wichtig.

Ebener Boden unter den Zedern von Azrou, wo sich der Wald mit sehr wenig Gehen genießen lässt.

Ebener Boden unter den Zedern von Azrou, wo sich der Wald mit sehr wenig Gehen genießen lässt.

Was Sie essen sollten

Die Küche des Mittleren Atlas ist Bergküche: wärmend, großzügig und weniger süß als die der Königsstädte.

Tajine gibt es überall, und die Variante, die Ihnen hier am häufigsten begegnet, ist Rind oder Lamm, langsam geschmort mit Backpflaumen und Mandeln – kräftig, weich und schonend für Zähne und Verdauung. Huhn mit Salzzitrone und Oliven ist der andere verlässliche Klassiker.

Die Überraschung ist die Forelle. Kalte Bergbäche und Fischzuchten in den Hügeln um Azrou und Ifrane beliefern die örtlichen Restaurants mit frischer Forelle, einfach gegrillt oder gelegentlich geräuchert. Nach einer Woche Tajine ist das eine echte Wohltat.

Die Region ist außerdem Obstgartenland: Rund um Azrou und Ifrane wachsen Kirschen und Äpfel, und im Frühsommer türmen sie sich an den Ständen am Straßenrand. Dazu an einem kalten Abend eine Harira-Suppe, frisches Brot aus dem Holzofen, Berghonig und Minztee, aus großer Höhe in einem Café mit Blick auf die Zedern eingeschenkt – und Sie haben gut gegessen.

Für empfindliche Mägen ist dies eine unkomplizierte Region: Die Gerichte sind einfach, lange gegart und werden heiß serviert. Bleiben Sie bei Wasser aus der Flasche, wie überall in Marokko.

Anreise

Nächste Flughäfen Fès–Saïss (FEZ), rund 1½ Stunden mit dem Auto; Casablanca Mohammed V (CMN) für Langstreckenflüge, etwa 4 bis 5 Stunden entfernt
Mit dem Auto Von Fès nach Azrou sind es etwa 80 bis 90 km, rund 1½ Stunden auf gut asphaltierter Straße über Ifrane; von Meknès ähnlich; Marrakesch ist eine lange Tagesfahrt
Mit Bus oder Taxi Busse und Sammel-Grandtaxis verbinden Azrou mit Fès, Meknès und Ifrane; für den Zedernwald selbst ist ein Mietwagen mit Fahrer weit bequemer
Mit der Bahn Kein Bahnhof in Azrou – nehmen Sie den Zug nach Fès oder Meknès und dann ein Straßenverkehrsmittel
Beste Reisezeit April bis Juni und September bis November; Juli und August sind angenehm kühl, aber voller marokkanischer Urlauber; Dezember bis Februar ist kalt und verschneit
Aufenthaltsdauer Zwei Nächte sind ideal – ein ganzer Tag für den Wald und Azrou, einer für Ifrane und die Seen
Höhe Rund 1.250 m in Azrou; etwa 1.650 m in Ifrane
Währung Marokkanischer Dirham (MAD); Geldautomaten in Azrou und Ifrane, im Souk ist Bargeld bevorzugt

Unser Fazit

Azrou wird niemanden mit Monumenten beeindrucken. Es gibt keine große Moschee, vor der man ansteht, keine Medina, die man erst nach drei Tagen versteht, kein berühmtes Blau, Rot oder Gold. Was Azrou stattdessen bietet, sind Weite, Stille, kühle Luft und sehr alte Bäume – und für viele Reisende über 60 ist das der wertvollere Besitz.

Es eignet sich zudem wunderbar als Pause. Zwei Nächte hier zwischen Fès und der Wüste oder zwischen Fès und Marrakesch unterbrechen lange Fahrtage, lassen den Körper nach der Intensität der Medina wieder zur Ruhe kommen und schenken Ihnen einen Nachmittag zwischen wilden Affen und tausendjährigem Wald, der fast keine körperliche Anstrengung kostet.

Kommen Sie wegen der Zedern. Bleiben Sie wegen des Lichts, das um sechs Uhr abends durch sie fällt, wenn der Wald golden und vollkommen still wird. Fahren Sie dann hinunter in die Stadt, auf Forelle und Minztee – und zählen Sie diesen Tag zu den schönsten und mühelosesten, die Sie in Marokko erleben werden.

„Manche Orte verlangen, dass man klettert; Azrou verlangt nur, dass man sich unter eine Zeder setzt und zuhört.“


Bildnachweise

Dieser Reiseführer wurde aus dem Englischen übersetzt. English version. Über diesen Reiseführer: erstellt aus öffentlichen Quellen (Tourismusbüros, Websites von Parks und Verkehrsbetrieben) mit Hilfe von KI-Werkzeugen, die wichtige Fakten vor der Veröffentlichung prüfen. Preise, Öffnungszeiten und Zugang können sich ändern: Bitte prüfen Sie sie vor der Reise bei der offiziellen Quelle. Etwas veraltet? Schreiben Sie uns (auf Englisch). Wie unsere Reiseführer entstehen.

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