Tizi n'Tichka: gemächlich über Marokkos höchste Straße
Die meisten überqueren den Hohen Atlas im Eiltempo. Lassen Sie sich stattdessen Zeit – dann wird der Tizi n'Tichka zum schönsten Tag Ihrer Marokkoreise.
Wenn Sie Marrakesch am Morgen verlassen, sind die rosafarbenen Mauern und Palmengärten der Stadt schon nach einer Stunde verschwunden. Die Straße neigt sich aufwärts, die Luft wird kühler, und der Hohe Atlas schließt sich um Sie: nackte Bergrücken in den Farben von Aprikose und Asche, Walnussbäume in den Falten der Täler, Dörfer im gleichen Ton wie die Erde, auf der sie stehen.
Dies ist die N9, und ihr höchster Punkt ist der Tizi n'Tichka – mit rund 2.200 Metern der höchste bedeutende Gebirgspass Nordafrikas. Fast alle, die nach Aït Benhaddou, Ouarzazate oder in die Wüste fahren, überqueren ihn, und die meisten von ihnen bekommen ihn kaum zu Gesicht. Sie dösen durch die Haarnadelkurven, halten einmal für einen hastigen Kaffee und erinnern sich hinterher nur daran, dass die Strecke lang war.
Wir finden, das ist Verschwendung an einer großartigen Bergstraße. Wenn man sie als Ziel und nicht als Hindernis begreift – mit einem bequemen Auto, einem Fahrer, der gern anhält, und einem ganzen Tag statt einem halben –, dann gehört der Tizi n'Tichka zu den lohnendsten Erlebnissen, die Marokko zu bieten hat, ohne dass Sie mehr als ein paar Dutzend Schritte gehen müssen.
Ein wenig Geschichte
Lange bevor es Asphalt gab, war diese Scharte im Gebirge eine Karawanenroute. Kamelzüge mit Salz, Datteln, Zucker und Sklaven zogen von den Tälern des Draa und des Dades nach Norden, überquerten hier den Hohen Atlas und stiegen hinab nach Marrakesch. Wer den Pass beherrschte, beherrschte den Handel – und das war rund sechzig Jahre lang, vom späten 19. Jahrhundert bis zur Unabhängigkeit Marokkos im Jahr 1956, die Familie el Glaoui, deren Festung in Telouet nur einen kurzen Abstecher von der heutigen Straße entfernt liegt.
Die Straße selbst ist jünger, als man vermuten würde. Sie wurde 1936 vom französischen Militär entlang des alten Karawanenwegs angelegt und ist als Nationalstraße 9 bis heute die wichtigste Verbindung zwischen Marrakesch und den Oasen des Südens. Jahrzehntelang hatte sie einen furchteinflößenden Ruf: schmal, an den Rändern abbrechend, geteilt mit überladenen Lastwagen. Ein großes Ausbau- und Sanierungsprogramm der vergangenen Jahre hat das erheblich verändert – mit breiteren Fahrspuren, mehr Platz zum Überholen und Schutzplanken auf einem großen Teil des Anstiegs. Es bleibt eine Bergstraße mit echten Abgründen, aber die Tortur, die ältere Reiseführer beschreiben, ist sie nicht mehr.
Eine kleine, traurige Fußnote zeigt, wie wild dieses Land einst war: Der letzte bekannte wilde Berberlöwe Marokkos wurde 1942 in der Nähe des Tizi n'Tichka erschossen.
Eine kleine Ortschaft im Atlasgebirge nahe dem Tichka-Pass.
Was es zu sehen gibt
Hier gibt es kein Museum und keinen Kartenschalter. Die Sehenswürdigkeit ist die Landschaft und sind die Dörfer, die sich daran aufreihen – und die Kunst des Tages besteht einfach darin, oft anzuhalten.
Die Passhöhe
Den höchsten Punkt markieren ein Schild, eine Handvoll Cafés und Souvenirstände sowie ein Blick, der in beide Richtungen entlang des Atlas-Rückgrats davonläuft. Das Gelände ist flach und bequem zu begehen, und es ist meist zehn bis fünfzehn Grad kühler als in Marrakesch. Stellen Sie sich auf die Südseite, und Sie sehen, wie das Land seinen Charakter vollständig wandelt: hinter Ihnen grüner und bewaldeter, vor Ihnen trocken und rötlich – die erste Ahnung der Sahara.
Die Haarnadelkurven im Norden und Taddert
Der Anstieg von der Seite Marrakeschs ist die dramatische Hälfte – enge Serpentinen, übereinandergestapelt, mit der Straße, die Sie vor zehn Minuten gefahren sind, tief unter Ihnen. Taddert ist auf dieser Seite das letzte Dorf von einiger Größe, an den Berghang über einem Bach gebaut, und fast jeder Bus und jedes Sammeltaxi macht hier oder kurz darüber Pause.
Adrar Tircht und die hohen Grate
Nahe der Passhöhe erhebt sich der Kalksteingipfel des Adrar Tircht (auch Bou Ouriol genannt) steil neben der Straße. Sie müssen nichts besteigen, um ihn zu genießen; die besten Blicke bieten sich von den Haltebuchten am Straßenrand, und ein guter Fahrer weiß, welche davon genug Platz zum sicheren Parken haben.
Ighrem n'Ougdal
Dieses Dorf etwa 20 Kilometer die Südseite hinunter ist bekannt für sein Igherm – einen wehrhaften Gemeinschaftsspeicher, den die örtliche amazighische Gemeinschaft errichtet hat und der vermutlich aus dem späten 17. Jahrhundert stammt. Er ist ein seltenes und ausgesprochen stimmungsvolles Zeugnis eines Bautyps, in dem einst das Getreide und die Wertsachen eines ganzen Dorfes lagerten.
Kooperativen am Straßenrand
Entlang der Route verkaufen mehrere kleine Läden und Kooperativen Arganöl, Honig aus der Region, Nüsse und handgewebte Teppiche. Die Qualität schwankt enorm – kaufen Sie also, was Ihnen gefällt und gut duftet, und sagen Sie beim Verkaufsdruck ruhig freundlich Nein.
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Der Gipfel des Adrar Tircht (Bou Ouriol) im Hohen Atlas am Tizi n'Tichka.
Die Fahrt, Kurve für Kurve
Von Marrakesch aus sind die ersten etwa 45 Minuten sanft: flaches Ackerland, Stände am Straßenrand, die Berge, die am Horizont wachsen. Dann beginnt die Straße ernsthaft zu steigen, und die nächsten eineinhalb Stunden sind bis zur Passhöhe fast eine durchgehende Kurvenfolge. Die Abfahrt nach Süden in Richtung Ouarzazate dauert noch einmal etwas länger, wirkt aber ruhiger – längere Geraden, weitere Blicke und ein steter Wandel vom Gebirge zur Wüste.
Für die gesamte Strecke Marrakesch–Ouarzazate von rund 200 Kilometern sollten Sie dreieinhalb bis viereinhalb Stunden einplanen, wenn Sie ohne Verweilen durchfahren. Lieber wäre uns, Sie täten das nicht. Rechnen Sie mit fünf oder sechs Stunden und richtigen Pausen – oder besser noch: teilen Sie die Fahrt und übernachten Sie im Süden.
Ein praktischer Hinweis: Wenn Sie die Richtung wählen können, haben Sie bei einer Fahrt nach Süden am Morgen die Sonne im Rücken, während Sie aufsteigen, und am frühen Nachmittag das beste Licht auf den großen Panoramen im Süden.
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Serpentinen auf der Nordauffahrt zum Tichka-Pass.
Ein Tagesausflug in der Nähe: Telouet und seine Kasbah
Wenn Sie nur einen einzigen Abstecher einlegen, dann diesen. Eine ausgeschilderte Nebenstraße zweigt ein Stück südlich der Passhöhe von der N9 ab und führt auf etwa 20 Kilometern schmaler, aber asphaltierter Fahrbahn zum Dorf. Die Hin- und Rückfahrt kostet je nach Aufenthaltsdauer etwa eine bis eineinhalb Stunden.
Dort wartet die Kasbah Dar Glaoui, die prächtigste der Festungen des Clans el Glaoui, der von den späten 1800er-Jahren bis zur Unabhängigkeit über einen großen Teil Südmarokkos herrschte. Von außen sieht sie aus wie eine riesige Lehmruine, die zurück in den Hang sinkt. Im Inneren sind einige Räume nahezu unversehrt erhalten: Zellige-Fliesen, geschnitzter Stuck und bemalte Zedernholzdecken, geschaffen von Meisterhandwerkern, die man aus Fès geholt hatte. Der Kontrast zwischen den zerfallenden Mauern und diesen Schmuckkästchen-Interieurs ist wirklich bewegend.
Bedenken Sie, dass es sich um eine teilweise Ruine handelt. Die Böden sind uneben, es gibt Treppen ohne Handlauf, und Teile sind gesperrt. Besucher mit unsicherem Gleichgewicht können die Lage und den Innenhof dennoch genießen, auch ohne zu den verzierten Salons hinaufzusteigen.
Weiter südlich liegt der zum UNESCO-Welterbe gehörende Ksar von Aït Benhaddou, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Ouarzazate – ein ausgezeichneter Zwischenstopp für die Nacht am Ende der Fahrt.
Ehrliche Ratschläge für bequemes Reisen
- Mieten Sie ein Auto mit Fahrer. Das ist unsere nachdrücklichste Empfehlung. Das Fahren ist nicht mehr beängstigend, verlangt aber ständige Konzentration – und ein einheimischer Fahrer hält dort, wo Platz ist, zeigt Ihnen, was Sie übersehen hätten, und kehrt um, wenn das Wetter umschlägt.
- Meiden Sie auf dieser Strecke die Sammel-Großtaxis. Sie sind eng, oft voll und halten nur dort, wo es der Fahrer will. Die Reisebusse von CTM und Supratours sind deutlich bequemer und legen eine Rastpause ein, halten aber nicht zum Fotografieren.
- Vorne sitzen und langsam fahren. Kurvenreiche Straßen machen vielen Menschen zu schaffen. Setzen Sie sich nach Möglichkeit nach vorn, lassen Sie ein Fenster leicht offen und nehmen Sie Tabletten gegen Reisekrankheit vor der Fahrt – nicht erst, wenn Ihnen schlecht ist.
- Die Höhe ist mild, aber spürbar. Auf rund 2.200 Metern merken Sie an jeder kleinen Steigung vielleicht eine leichte Kurzatmigkeit. Gehen Sie an der Passhöhe langsam, trinken Sie Wasser und hetzen Sie nicht.
- Packen Sie eine warme Schicht ein, auch im Juli. In Marrakesch kann es heiß sein und oben am Pass richtig kalt und windig, und das Wetter kann innerhalb weniger Kilometer wechseln.
- Die Ausstattung ist einfach. Toiletten gibt es in den Cafés an der Passhöhe, in Taddert und in einigen Restaurants am Straßenrand, aber sie sind schlicht. Tragen Sie Taschentücher, Handdesinfektionsmittel und alle Medikamente bei sich statt im Kofferraum.
- Es ist nur sehr wenig Gehen nötig. Die Aussichtspunkte liegen am Straßenrand und sind praktisch eben. Nur die Kasbah von Telouet und die Gassen der Bergdörfer bedeuten unebenen Boden und Stufen.
- Versuchen Sie nicht, die Wüste an einem Tag zu erreichen. Von Marrakesch über diesen Pass bis Merzouga ist viel zu weit. Übernachten Sie stattdessen in Aït Benhaddou oder Ouarzazate – dann genießen Sie beide Enden der Reise.
- Fahren Sie bei Tageslicht und fragen Sie im Winter nach Schnee. Etwa zwischen November und März können Nebel, Eis oder Schnee die Passhöhe kurzzeitig sperren; Ihr Fahrer oder Ihr Hotel kann sich vor der Abfahrt erkundigen.
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Landschaft des Hohen Atlas, fotografiert während eines Bushalts von der Passstraße des Tizi n'Tichka.
Was Sie essen sollten
Die Bergküche ist hier einfach, langsam und wärmend – genau das Richtige nach einer Stunde Haarnadelkurven. Die Restaurants am Straßenrand in Taddert und an der Passhöhe garen Tajines über Holzkohle: Huhn mit Salzzitrone und Oliven, Lamm mit Pflaumen und Mandeln oder Gemüsetajine, dick mit Karotte, Kartoffel und Zucchini. Gegrilltes Lamm oder Kefta-Spieße mit Brot und einem Teller Tomaten-Zwiebel-Salat sind der andere Klassiker, und Harira, die Tomaten-Linsen-Suppe, erscheint immer dann, wenn das Wetter kalt wird.
Frühstück unterwegs heißt meist Brot mit Olivenöl, Honig, Frischkäse und ein Berber-Omelett, in der Tajine-Schale zubereitet, alles hinuntergespült mit süßem Minztee, der aus großer Höhe eingegossen wird. Die Walnüsse und Mandeln, die an den Ständen entlang des Passes verkauft werden, stammen oft von hier, und der Honig ist ein Glas wert.
Zwei sanfte Warnungen. Tajines werden frisch zubereitet und brauchen 30 bis 45 Minuten – bestellen Sie also gleich bei der Ankunft und nicht erst, wenn Sie am Verhungern sind. Und wählen Sie an den belebtesten Raststellen ein Lokal, das voller marokkanischer Fahrer ist – das ist immer das beste Zeichen.
Die N9 überquert den Hohen Atlas nahe Taddert, an der Straße Marrakesch–Ouarzazate.
Anreise
| Nächstgelegene Flughäfen | Marrakesch Menara (RAK), rund 100 km und 2 Stunden nördlich der Passhöhe; Ouarzazate (OZZ), etwa gleich weit südlich |
| Mit dem Auto | Die N9 zwischen Marrakesch und Ouarzazate, rund 200 km von Anfang bis Ende; planen Sie 3,5–4,5 Stunden ohne Pausen ein oder einen ganzen Tag mit Pausen |
| Mit dem Reisebus | CTM und Supratours verkehren mehrmals täglich zwischen Marrakesch und Ouarzazate, Fahrzeit rund 4–5 Stunden mit einer Rastpause |
| Beste Monate | April–Mai und September–Oktober für milde Luft und klare Blicke; an der Passhöhe ist von etwa November bis März Schnee möglich |
| Aufenthaltsdauer | Ein ganzer Tag für die Überquerung mit richtigen Pausen; zwei Nächte in Aït Benhaddou oder Ouarzazate machen die Reise wirklich erholsam |
| Währung | Marokkanischer Dirham (MAD); nehmen Sie kleine Scheine mit, denn Cafés und Stände am Straßenrand akzeptieren selten Karten |
Unser Fazit
Der Tizi n'Tichka ist kein wenig bekannter Ort in dem Sinne, dass niemand hinfährt – Tausende überqueren ihn jeden Tag. Er ist wenig bekannt, weil fast niemand anhält. Genau deshalb belohnt er Reisende, die die Zeit und den Verstand haben, die Dinge langsam anzugehen.
Für alle über 60 ist er zudem ungewöhnlich gutmütig. Es gibt keine Treppen zu steigen, keine Kopfsteinpflasterhügel, keine Warteschlangen in der Sonne. Die Mühe besteht einfach darin, ein paar Stunden in einem bequemen Auto zu sitzen, und der Lohn ist eine der großen Gebirgsüberquerungen Afrikas – mit einer Kasbah, einem Speicher aus dem 17. Jahrhundert und einem über Holzkohle gegarten Mittagessen unterwegs.
Fahren Sie mit einem Fahrer, fahren Sie im Frühling oder Herbst, nehmen Sie sich einen ganzen Tag – und lassen Sie die Berge die Arbeit machen.
„Überqueren Sie ihn langsam, und der Hohe Atlas hört auf, eine Straße zwischen zwei Städten zu sein, und wird zu dem Grund, aus dem Sie gekommen sind.“
Bildnachweise
- Tizi Tichka-matthew-h-01: Matthew Harrigan, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons
- DSCN1353v2: Lluket, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
- Tizi n-Tiszka, szczyt Adrar Tircht bou Ouriol: IceBerries420, CC BY 4.0 via Wikimedia Commons
- 2013.Tishka.Pass.N2: Ekem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
- High Atlas Mountains 2359585494: Michal Osmenda from Brussels, Belgium, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons
- N9 Haute Atlas Taddert: Levente32, Public domain via Wikimedia Commons
Dieser Reiseführer wurde aus dem Englischen übersetzt. English version. Über diesen Reiseführer: erstellt aus öffentlichen Quellen (Tourismusbüros, Websites von Parks und Verkehrsbetrieben) mit Hilfe von KI-Werkzeugen, die wichtige Fakten vor der Veröffentlichung prüfen. Preise, Öffnungszeiten und Zugang können sich ändern: Bitte prüfen Sie sie vor der Reise bei der offiziellen Quelle. Etwas veraltet? Schreiben Sie uns (auf Englisch). Wie unsere Reiseführer entstehen.